Peter Hacks: Marx

 

MARX

Von Peter Hacks
 

Auf der Heide von Hampstead schwirrn die Fliegen.
Sonntagvormittag. Ein kurzbeiniger Herr mit
Bauschigem Bart, am schwarzen Faden das Stielglas
Überm gestärkten Dickey, im Gras, geschäftig
Sich ein Ei aus dem Picknickkorb aufklopfend.
Neben ihm die üppige Frau, die Töchter
Und ein ältlicher Hausgeist namens Lene.
Wer vermochte zu ahnen, daß in solcher
Läppischen Vermummung er vor sich hatte
Das Genie der Genies: die ungemeinste
Aktuellwerdung der Möglichkeit homo:
Das vollkommenste Exemplar der Gattung,
Der gewesnen und seienden, erzeugt in
Breiter Bemühung ihrer Kräfte aller,
In Jahrhunderten wenig noch verstanden,
Für Jahrtausende nicht mehr wiederholbar?
Höchste Würde, zeitlos zu sein. Bedeckt vom
Messingschlamm seines löwenfüßigen Säkels,
Furcht er nur die Stirn, und abfällt die Kruste.

 

Aus: Peter Hacks »Lieder, Briefe, Gedichte«, Berlin/DDR 1974, Eulenspiegel-Verlag, Berlin – Das Gedicht wurde, wie zahlreiche andere auch, von Hacks nicht für die 15bändige Werkausgabe berücksichtigt

Quelle: Junge Welt

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